Früher war alles besser

Früher war alles besser – nein, diesmal ist es ausnahmsweise nicht Opa der Autor dieser Zeilen, der alte Sack, der nostalgisch wird, sondern viele der sogenannten „besorgten Bürger“ entdecken zur Zeit ihre Liebe zu den Jahren zwischen 1950 und 1989. Warum auch nicht? War ja auch kuschelig damals. Also sofern man zufällig auf der richtigen Seite des eisernen Vorhangs geboren wurde, in der „alten Bundesrepublik“. Gut, wir standen am Rande der nuklearen Vernichtung, aber irgendwas ist ja immer. Und ja, Umweltschutz hatte damals noch nicht ganz den Stellenwert, den er heute hat. Der Rhein blubberte in allen Regenbogenfarben und der Schwarzwald war auf dem besten Wege zukünftig weder Schwarz noch Wald zu werden. Aber das war erstmal kein Thema. Es war ja Wirtschaftswunder. Dafür galt das Schlagen von Kindern noch als Tugend. Möchte mal sehen, wie viele der jungen Nachwuchsnazis sich nach einer Mathestunde mit einem rohrstockschwingenden Sadisten als Lehrer schnell ins Jahr 2016 zurück wünschen würden.
„Besorgte Bürger“, wenn ich das schon höre. Früher hieß das Blockwart und war der Albtraum aller Mieter. Führers direkter Stellvertreter in jedem Haus. Ich kann mich noch sehr gut erinnern an Frau B., damals, Ende der Siebziger Jahre, im Sechsfamilienhaus der „Neuen Heimat“. Lockenwickler und Kittelschürze. Dazu ein Blick, der selbst Chuck Norris die Tränen in die Augen treiben würde. Egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit; kaum war ein Geräusch im Treppenhaus zu hören, da hing sie schon am Türspion. Waren es dann Kinder, flog die Tür in weitem Bogen auf und ein gebelltes „Seid endlich still ihr Rotzlöffel“ schallte ihnen entgegen. Untermalt vom bedrohlichen Schwingen des Besen. Etwas anderes kam ihr nicht über die Lippen. Also, außer infamen Lügen über alles und jeden. Vor allem über die „anderen“. Die „anderen“ – das waren die Gastarbeiter, die seit Neuestem in der Straße wohnten. So gut ging es unserem Land damals, dass wir Menschen billige Arbeitskräfte aus aller Herren Länder anwarben, damit sie die Drecksarbeit des Wirtschaftswunder machen sollten, für die sich die Einheimischen schon wieder zu schade waren. Man war schließlich wieder wer. Abseits der Arbeit sollten sich die „Fremden“ möglichst unsichtbar machen und sich auf gar keinen Fall integrieren. Waren ja „Gastarbeiter“. Und der Begriff impliziert es bereits. Gäste gehen bald wieder.
Nun, es kam bekanntlich anders. Giovanni verliebte sich in Isolde und zeugte viele Bambini, Ali holte seine Ayshe aus Ankara nach Kreuzberg. Und sie blieben.
Aber wir haben ja zum Glück unsere Regierung. Keine 50 Jahre nachdem die ersten Gastarbeiter zu uns kamen, wird schon über Integration geredet. Und nach Jahrzehnten der Ausgrenzung und Ignoranz heißt es jetzt gleichermaßen empört wie überrascht „die wollten sich gar nicht integrieren“…

Der Umgang mit der Zuwanderung ist – neben der Rente – seit Jahrzehnten das epochalste Versagen der Politik (hier kann man ruhigen Gewissens pauschalisieren, denn es trifft alle gleichermaßen). Ich habe bereits in den Achtzigern in der Schule gelernt, das zukünftige Konflikte nicht mehr Ost-West sondern Nord-Süd (und damit Armutsmigration) betreffen werden. Die Politik hat damals scheinbar im Unterricht nicht so gut aufgepasst – und als es dann wirklich so kam, schaffte es die Regierung, das Land innerhalb eines Jahres tief zu spalten. Es gibt nur noch dafür oder dagegen. Zwischentöne sind nicht gefragt. Eine Schublade für die Nazis, eine für die linksversifften Gutmenschen. Dazwischen gibt es nichts.
Wortgewaltig versucht die Politik, ihre Hilflosigkeit zu übertünchen oder fällt in eine Art Schockstarre. Ja nicht bewegen. Angela Merkel wird mit jedem Tag Helmutkohliger. Regel Nummer eins: erstmal nichts tun. Erinnerungen an den lähmenden Stillstand Mitte der neunziger Jahre werden wach.

Das Versagen der „traditionellen“, demokratischen Politik spült überall in Europa nationalistische Krawallmacher und Populisten nach oben. Es ist immer einfacher, lautstark gegen etwas zu poltern, als etwas daran zu ändern. Aber Nationalstolz war schon immer der Stolz der Schwachen. Wenn man sonst nichts hat, kann man immer noch stolz auf „sein Land“ sein. In das man per Zufall hineingeboren wurde. Und Nationalstolz war noch nie ein guter Ratgeber. Nationale Egoismen („Platz an der Sonne!!“) gepaart mit der wirtschaftlicher Ausbeutung von Kolonienärmeren Regionen… – da war doch schon mal was, oder? So vor ungefähr 100 Jahren… ging nicht gut aus, die ganze Sache. Wer schon nostalgisch zurückblickt sollte zumindest ab und zu die rosa Brille der Vergangenheitsverklärung abnehmen. Und: aktiv die Zukunft zu gestalten ist allemal inspirierender (wenn auch anstrengender) als auf dem Sofa zu sitzen und auf Geräusche im Treppenhaus zu warten. Werdet nicht die nächste Frau B. Lasst Kittelschürzen nicht den nächsten hicen Shice werden.

 

Noch ein Wort zum Titelbild: Es zeigt den Bahnhof meiner Geburtsstadt Furtwangen im Schwarzwald um ca. 1970. Das Bregtalbähnle verkehrte über 80 Jahre lang zwischen Donaueschingen und Furtwangen. Mitte der 70er Jahre wurde die angeblich unrentable Strecke außer Betrieb genommen. In diesem Fall war früher wirklich alles besser. Zumindest der öffentliche Nahverkehr.

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